Die Sorge um das Warum

Sexwork ist vielseitig, Sexworker sind vielseitig, das „Warum“ ist vielseitig. Das durch Filme und Medien vermittelte Bild ist es nicht: Begrifflich wird Sexwork häufig mit Ausbeutung in Verbindung gebracht, mit Missbrauch, mit Gewalt, mit Zwang. Meistens sind Sexworker in Krimis das Opfer, sei es physisch oder psychisch, in romantischen Komödien muss sich die Frau durch Richard Gere retten lassen.

Diese Geschichten sind nicht zwangsläufig unwahr- keinesfalls. Was Regel und was Ausnahme ist, das kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls wird die einseitige Darstellung der Wirklichkeit nicht gerecht. Aber für eine Gesellschaft, in der Frauen, die sich sexuell frei ausleben -auf die gleiche Art und Weise, wie Männer es seit jeher tun- nicht akzeptiert sind, ist es leichter, eben jene Frauen pauschal als Opfer zu betrachten. Leichter, als vielleicht die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Frauen gerne Sex haben. Dass Polygamie keine männliche Eigenschaft ist. Dass es Frauen gibt, die mit gesellschaftlichen Tabus brechen, sich nicht an die Regeln halten und zwar weil sie es wollen- nicht weil sie von Männern dazu gezwungen werden.

Wenn du mit dieser Welt schon vertraut bist, dann weißt du das alles, vielleicht besser als ich. Wenn du es nicht bist, dann nimmt dir dieser Beitrag vielleicht deine Sorge- die Sorge, eine Notlage auszunutzen, etwas zu tun, das man eigentlich nicht tun sollte.

Damit du sicher sein kannst – wenn du es nach dem Lesen meiner Website noch nicht sein solltest- dass dies bei mir nicht der Fall ist, möchte ich dir erzählen, wie ich das, was ich tue für mich entdeckt habe- ob man es nun als Escort, Companionship oder Sexwork bezeichnen möchte.

Um vorab den gängigen Klischees zu begegnen: Ich habe keine Kinder, dich ich durchbringen muss. Ich habe keine Sucht, die ich zu stillen versuche. Ich hatte eine glückliche Kindheit. Und nein, ich habe keinen Zuhälter. Bitte verstehe mich nicht falsch, nicht jeder dieser Punkte schließt zwangsläufig eine selbstbestimmte Tätigkeit als Sexarbeiter aus- ich möchte nur deutlich machen, dass auch ganz andere Beweggründe eine Rolle spielen.

Neben meinem Studium habe ich immer schon gearbeitet, meistens Gelegenheitsjobs, nie länger dasselbe. Ich mag die konzentrierte Aufregung, wenn sich keine Routine einschleicht. Irgendwann hatte ich hier das Gefühl, alles bereits einmal gemacht zu haben. Der Gedanke an Escort spukte schon länger sehr versteckt in meinem Kopf herum. Sexuell war ich schon immer sehr experimentierfreudig, zu neugierig auf all das, was es noch zu entdecken geben könnte, um zur Ruhe zu kommen. An einen Menschen all die Erwartungen zu stellen, die man an das Leben, die Liebe und den Sex hat, erschien mir utopisch. Als ich Freunden irgendwann von meinem Doppelleben erzählte reagierten die Meisten weniger überrascht, als ich es erwartet hatte- man sah es beinahe als logischen nächsten Schritt.

Hin und wieder wurden meine Pläne so konkret, dass ich mir Agenturen anschaute, las und mich informierte. Gleichzeitig hatte aber auch ich Horrorgeschichten im Kopf – von Drogen, Abhängigkeit und Zuhälterei. Aber…dieses Bild wollte nicht so Recht zu dem passen, was ich las und sah. Der Gedanke lies mich einfach nicht mehr los. Also sagte ich mir, ich würde eine E-Mail schreiben, mich vorstellen und schauen, was passiert. Ich suchte mir eine Agentur, die so wenig nach Rotlicht aussah wie eben möglich. Ich nahm mir vor, mir alle Wege offen zuhalten, jede Abhängigkeit, finanziell und vertraglich, auszuschließen. Um jederzeit wieder zurück zu können. Nie irgendetwas zu müssen.

Ich hatte mein erstes Date, mein zweites und mein Drittes. Ich war aufgeregt und begeistert von den Menschen, die mir begegneten- und die so gar kein geeignetes Material für Horrorvorstellungen waren.

Manchmal verlaufen Abende nicht so, wie sie sollten, das ein oder andere Mal bin ich in brenzlige Situationen geraten. Die Möglichkeit, jederzeit aufhören zu können, die halte ich mir immer noch offen – ich habe noch nie auch nur darüber nachgedacht.